GELESEN & GEHÖRT | Andreas Steinhöfel: Paul Vier und die Schröders

Andreas Steinhöfel: Paul Vier und die Schröders/Leseträumchen

Drei Wochen und vier Tage ...

... so kurz nur wohnen die seltsamen Schröders im beschaulichen Bergwald. Zeit genug, um eine ganze Nachbarschaft in Aufruhr zu versetzen und das Leben von Paul Vier von Grund auf zu verändern.

In seinem erst zweiten Buch aus dem Jahr 1992 packte Andreas Steinhöfel beherzt ein dickes Bündel schwieriger Themen an. Mit Erfolg: Das Buch erscheint inzwischen in der 24. Auflage (Stand 2016) und wird vielfach als Schullektüre gelesen.

Darum geht es

Der vierzehnjährige Paul Udo Ewald Walser der Vierte (Paul Vier genannt), Metzgerssohn und Vegetarier, wächst in einer schnarchig-spießigen Nachbarschaft im Städtchen Bergwald an der Lahn auf. Alles geht seinen gewohnten Gang: Seine Mutter lästert zusammen mit den dauergewellten Nachbarinnen die Kleinstadt-Langeweile weg, sein Vater lebt für die Expansion seines Metzgerei-Imperiums, seine ältere Schwester Susanne führt ein Leben, das mit seinem nicht viel zu tun hat (konsequenterweise kommt sie im Buch kaum vor).

 

Alles ändert sich, als im Nebenhaus die Familie Schröder einzieht: eine alleinerziehende Mutter von vier Kindern plus Hund und Python. Die Kinder tragen nicht nur ungewöhnliche Namen (Delphine, Erasmus, Dandelion und Sabrina) - sie sind auch ungewöhnlich. Unangepasst, eigen, selbstbewusst. Anders.

 

"Sie hatten alle so komische Namen. (...) Wer will schon heißen wie ein Säugetier, das mit einem Loch auf dem Rücken durch die Gegend schwimmt und Makrelen frisst?" (Seite 17)

 

Die Schröders verkörpern so ziemlich alles, womit sich die Spießer-Nachbarschaft nicht konfrontiert sehen möchte, nicht mal aus der Ferne (denn die Mühe, die Schröders kennenzulernen, macht sich keiner von ihnen). Deshalb: Dieses Pack, das täglich neuen Ärger macht, muss weg und zwar so schnell wie möglich, darin sind sie sich alle einig. Alle bis auf Paul.

 

Nicht nur, dass er sich in die spröde, schöne Delphine verguckt hat, nein, ihm geht das Gehetze gegen die Nachbarn insgesamt so gegen den Strich, dass er sich dafür sogar mit seinen Eltern anlegt. Als er die kleine, schlafwandelnde Sabrina eines Nachts vor einem Sturz von der Brücke in den Fluss rettet, fällt er selbst hinein und bricht sich den Arm. Umso unverständlicher für alle anderen, dass er sich dennoch für die ungeliebten Nachbarn einsetzt.

 

Binnen kürzester Zeit eskaliert die Lage gewaltig. Und das ist nicht nur die Schuld der Schröders.

Lese(t)räumchen meint

Nach dem (zumindest auf den ersten Blick) launig-lustigen Erstlingswerk „Dirk und ich“ wagte sich Andreas Steinhöfel ein Jahr später an ein ganz anderes Kaliber von Erzählung. Die Themen (und der Ort der Handlung) sind bei genauerer Betrachtung zwar gar nicht so unterschiedlich, aber sehr viel stärker zugespitzt, außerdem aus der Sicht eines Jugendlichen erzählt. Und viel ernsthafter behandelt.

 

Es geht um Spießertum, Vorurteile, Anderssein, Ausgrenzung, Mobbing, um häusliche Gewalt, Alkoholismus, um eine unheilbare Krankheit und drohenden Tod. Aber auch ums Einsetzen für andere, Abnabeln von der Familie, Erwachsenwerden, Position beziehen und dabei bleiben. Darum, gegen Ungerechtigkeit aufzubegehren, auch gegen Widerstand in der Familie und auf die Gefahr hin, selbst zum Außenseiter zu werden und einiges mehr.

 

Ganz schön ambitioniert für ein Jugendbuch mit 160 Seiten. Und dennoch funktioniert die Geschichte einwandfrei und ist dabei auch immer spannend zu lesen (obwohl – oder weil? – sie plakativ streng die Guten von den Bösen trennt): schlicht gehalten, ohne Schnörkel erzählt, auf den Punkt gebracht. Und dennoch mit emotionaler Tiefe. Selbst der Leser, der für die doch recht dick aufgetragene Moral Punkte abzieht, wird zugeben müssen, dass der Ausgang der Geschichte zu keinem Zeitpunkt vorhersehbar ist, weswegen man umbedingt weiterlesen will.

 

Den Erzähler Paul Vier kann man einfach nur mögen. Paul hat Witz und Grips (Achtung, Kalauer: später auch Gips), ist ein scharfer Beobachter (die einleitende Szene mit dem Kaffeekränzchen der Nachbarsfrauen im „eichenvermöbelten Wohnzimmer“ ist großartig - pointierter kann man Spießbürgertum kaum darstellen). Und er ist für sein Alter ungewöhnlich reflektiert und empathisch.

 

Dass er die Nachbarn zunächst vor allem der hübschen Tochter Delphine wegen beachtens- und schützenswert findet, ändert sich schnell. Und auch das Handicap seines verletzten Arms bringt ihn nicht davon ab, Haltung zu beziehen, sich gegen das Mobbing der Nachbarn einzusetzen, richtig aufzubegehren, obwohl er sich vom Vater dafür schlagen lassen muss.

 

Ich mag den lakonischen Stil sehr und finde Paul überaus sympathisch und liebenswert. Deshalb fiel es mir leicht, mit ihm mitzugehen, auch wenn einem eine Menge schwere Themen dabei aufgebürdet werden.

 

Einzig die relativ unvermittelte und tiefgreifende Neupositionierung der Figur von Pauls Mutter im letzten Drittel des Buchs mochte ich nicht gleich schlucken. Danach ist sie einem zwar deutlich sympathischer, aber so richtig abnehmen wollte ich ihr die plötzliche Einsicht, ja, geradezu Beichte, zunächst nicht. Aber sie wird im Verlauf der weiteren Handlung „auf der anderen Seite“ gebraucht und es wäre auch nicht schön, hätte der nette Protagonist gleich zwei doofe Elternteile, insofern geht das dann schon in Ordnung.

 

Und wo sich Frau Walser vorher nur mit Dauerwellen, Wechseljahren, Orangenhaut, Klatsch und Tratsch beschäftigt hat, verfolgt auch sie am Ende eine Mission. Und sie reißt Fassaden herunter – die ihrer eigenen Familie und die der nur anscheinend harmonischen Nachbarsfamilien. Danach ist auch für sie nichts mehr so wie vorher.

Fazit

Die Schröder-Kinder (darunter ein Albino, ein Kleinwüchsiger und ein etwas unheimliches, hellsichtiges kleines Mädchen) sind schon wirklich speziell und man möchte nicht allzu lange drüber nachdenken, wie solche Kinder im echten Leben in der eigenen Schulklasse und Nachbarschaft aufgenommen würden, damals wie heute.

 

Denn die Themen Anderssein, Ausgrenzung, Mobbing sind ja (leider) seit 1992 nicht verschwunden, sondern aktueller denn je. Deshalb definitiv kein überaltertes Buch, trotz der 25 Jahre, die es genau dieses Jahr alt wird.

 

Und im Übrigen ist auch dieses Buch eines, in dem ich immer wieder neue Aspekte entdecke, je öfter ich es lese oder höre. Das Hören kann ich in diesem Fall auch nur sehr empfehlen: Das vom Autor selbst – wie immer fabelhaft – gelesene ungekürzte Hörbuch, ist bei Hörbuch Hamburg/Silberfisch erschienen.

"Bonusmaterial": Bezüge, Verweise, Intertextualität

 

Und im Hinblick auf die oben erwähnten immer neuen Aspekte, die es zu entdecken gibt, habe ich mich noch einer kleinen Zusatzaufgabe befleißigt.

 

Bei näherer Betrachtung stellt sich „Paul Vier und die Schröders“ im Rückblick als ein üppiger Fundus von Elementen dar, die auch in späteren Werken von Andreas Steinhöfel auftauchen. Und in dem einen früheren: Mit einigen Personen und Orten ist der Leser schon aus dem Erstling „Dirk und ich“ vertraut.

 

Hier ist zusammengetragen, was mir – bisher – auffiel.

  

Aus „Dirk und ich“ (1991) bekannt:

Die Namen Susanne und Christiane: Dort sind sie Freudinnen von Andreas, hier ist Susanne Pauls große Schwester und Christiane deren beste Freundin.

Pauls Schildkröte Agathe: Eine gleichnamige Schildkröte gab es schon in „Dirk und ich“. Da ist sie das Haustier des Mitschülers Behruz und begleitet die Kinder als blinder Passagier ins Schullandheim, aufs Ulmer Münster und an bzw. in den Blautopf.

 

Die Mitte der Welt (1998)

Die ungewöhnliche Familie mit einer alleinerziehenden Mutter (im Falle der Schröders mit vier Kinder von drei Vätern), die von einem kleinbürgerlichen Spießerumfeld pauschal geächtet wird – dieses Motiv findet sich zentral in „Die Mitte der Welt“ wieder. Das riesige Haus der Schröders mit den vielen leeren Zimmern mutet wie eine Vorstufe des Anwesens Visible an.

 

Froschmaul (2006)

Dass ein Außenseiterkind sich in die eingestürzten Höhlen des Enzbergs flüchtet, kommt auch in der Geschichte „Novemberwind“ vor; erschienen in der Geschichtensammlung „Froschmaul“.

 

Anders (2014)

Im Jugendroman „Anders“ kehrt der Autor mit einer neuen Geschichte offiziell und vollumfänglich nach Bergwald an der Lahn zurück (Ähnlichkeiten mit der Stadt, in der Andreas Steinhöfel aufgewachsen ist, sind kein bisschen zufällig). Mit expliziter Erwähnung Pauls und seines Unfalls, mit der Ulmenstraße, dem Enzberg und seinen Höhlen, mit dem Schloss, dem Haus der Schröders, Frau Heinsel, den Tauchmanns, den Markowskis.

Dass Anders (der Junge, der nach neun Monaten im Koma so anders ist als davor, als er noch Felix hieß), in genau dem Haus lebt, in dem früher eine Familie wohnte, die so durch und durch anders war als die Nachbarn, passt perfekt.

Zusätzlich beschreibt Frau Heinsel Paul gegenüber Felix/Anders mit dem Worten: "Der war anders."

Pauls Schwester Susanne Walser, die weiterhin nebenan (im Elternhaus) wohnt, taucht als Freundin von Anders' Mutter auf. Herr Tauchmann als Polizist und beim Autohändler Herrn Markowski hat die Familie Winter ihr Auto gekauft.

Sogar die Holzbrücke über die Lahn, von der Paul stürzt und auf der auch Anders turnt, rückt wieder in den Fokus (auch in "Dirk und ich" kommt sie in einer kleinen Nebenrolle vor).

Und ist es in „Paul Vier und die Schröders“ Herr Döller, der bei der Städtische Sparkasse arbeitet, so ist es in „Anders“ die Mutter von Felix/Anders - beides sicherheitsorientiere, unflexible Menschen.

 

Rico und Oskar (2008 bis 2011)

Sogar bis in die Rico-und-Oskar-Geschichten haben sich ein paar Kleinigkeiten rübergerettet, sehr zu meiner (Detektiv-)Freude: „Hundeschokodrops“ (ein Wort, das mir vorher nicht geläufig war) kommen vor, natürlich im Zusammenhang mit Ricos Hund Porsche.

Als Paul seine Armbanduhr mit Leuchtanzeige, „ein Geschenk von Paps“, erwähnt, fühlte ich mich an Oskars protzige Armbanduhr erinnert – ebenfalls ein Geschenk des Vaters.

Erasmus in „Paul Vier“ ist so ein kleingewachsener Alleswisser wie Oskar, der es anderen Menschen nicht so leicht macht, ihn zu mögen.

Und Dandelion, der Albino (ja, ja, es heißt „minimal pigmentiert“), schließlich erinnert mich mit seiner großen schwarzen Sonnenbrille an Oskar im „Herzgebreche“.

 

Und es gibt garantiert noch unzählige andere Stellen, die ich (noch) nicht entdeckt habe; ganz abgesehen von den Verweisen auf Werke anderer Autoren oder Motive aus Sagen etc.

 

 

 

Welche verschiedenen Cover die unterschiedlichen Auflagen des Buches hatten, könnt ihr auf dem Blog von Andreas Steinhöfel anschauen. Einfach hier oder aufs Bild klicken.

Screenshot vom Blog "News from Visible"
Screenshot vom Blog "News from Visible"

 

Update, 20. März 2017

Innige Freuung über einen Retweet von Carlsen.

Wer das Leseträumchen mal auf Twitter besuchen möchte, kann das völlig kostenfrei und unbürokratisch mit einem Klick aufs Bild tun.


Steckbrief

Andreas Steinhöfel: Paul Vier und die Schröders/Leseträumchen

Paul Vier und die Schröders

Andreas Steinhöfel

 

Umfang: 160 Seiten

Verlag: Carlsen Verlag

Preis: 6,99 Euro

Altersempfehlung des Verlags: 10 Jahre

Erscheinungsdatum dieser Ausgabe (24. Auflage): 11. März 2008,

Erstauflage 1992

 

 

Andreas Steinhöfel: Paul Vier und die Schröders/Leseträumchen

Paul Vier und die Schröders

Andreas Steinhöfel

 

Umfang: 3 CDs, 203 Minuten Laufzeit

Verlag: HörbuchHamburg/Silberfisch

Preis: 14,99 Euro

Altersempfehlung des Verlags: 10 Jahre

Erscheinungsdatum: 18. Juli 2007

 

Hier geht's zum Link zur Hörprobe auf der Website von HörbuchHamburg.

 

 


Das passt dazu


Kommentar schreiben

Kommentare: 0