GELESEN | Andreas Steinhöfel: Defender

Kurzgeschichten, die lange nachwirken.

Andreas Steinhöfels Bücher sind nicht gerade für unbekümmerte Protagonisten und fröhlich über die Seiten tänzelnde Plots bekannt. "Defender" - 2001 veröffentlicht - liegt einem möglicherweise sogar ziemlich schwer im Magen. Warum ich finde, dass man sich trotzdem (oder gerade deswegen) darauf einlassen sollte. 

Vorab noch

Manchmal dauert es richtig, richtig lang, bis man für ein Buch bereit ist. Man nimmt es immer wieder in die Hände, liest ein bisschen, kommt nicht rein und legt es wieder weg (was sich wie eine Niederlage anfühlt). Aber dann häufen sich die Zeichen, dass man es endlich lesen soll (indem einem plötzlich täglich an den unterschiedlichsten Stellen das Wort "Defender" begegnet zum Beispiel). Und auf einmal geht's. Und dann, mitten im Buch, erscheint folgender Satz wie zur Bestätigung:  

 

Am Samstag hatte sie ein Erlebnis, das sie in der Annahme bestätigte, dass man, sobald man einmal begonnen hatte, sich mit einem bestimmten Thema zu beschäftigen, plötzlich auf Schritt und tritt damit konfrontiert wurde. (Seite 140, "Merle")

Darum geht es

Das Buch enthält die acht Kurzgeschichten Sandmann, Herbstastern, Winterlandschaft, Daniel zu lieben, Die Katze, Interview, Merle und Defender. Jede erzählt von Kindern und Jugendlichen, die alles andere als ein einfaches, sorgloses Leben haben. 

 

Der Untertitel "Geschichten aus der Mitte der Welt" lässt erwarten, dass sich vieles, wenn nicht gar alles, um Figuren aus dem Bestseller "Die Mitte der Welt" (1998 erschienen) dreht, im besten Fall um die Hauptfiguren, die Zwillinge Phil und Dianne, und ihre Mutter Glass. Dem ist nicht so; beide Bücher sind lediglich lose verknüpft: Phil und Dianne kommen in "Defender" nur am Rande vor. Dafür erfährt man mehr über Charaktere, die in "Die Mitte der Welt" wiederum nur Nebenfiguren sind.    

 

Es ist überliefert - und auch nicht schwer zu erraten -, dass die Idee dieses Untertitels nicht vom Autor stammt, sondern vom Verlag. Klar, vermarktet sich besser. "Defender" ist jedoch ein vollkommen eigenständiges Buch, das man problemlos verstehen kann, auch wenn man "Die Mitte der Welt" (noch) nicht kennt. 

 

Wie nun ein Buch mit Kurzgeschichten vorstellen, um einen Eindruck davon zu vermitteln, aber nicht zu viel zu verraten? So lange bin ich selbst um dieses Buch herumgeschlichen und jetzt sieht es nach wenigen Tagen ziemlich zerlesen und abgeliebt aus, voller Markierungen und Randnotizen, Verweisen und Ausrufezeichen. Wobei ich nicht behaupten könnte, dass ich mich in die Geschichten an sich verliebt hätte (der Grund erschließt sich hier bei weiterer Lektüre), sehr wohl aber in viele Passagen und einzelne Sätze (die mit den Markierungen und Ausrufezeichen), die mitten ins Herz treffen.

 

Deshalb gibt's jetzt aus jeder Geschichte eines oder mehrere kurze Zitate. So bekommst du sicherlich ein gutes Gefühl dafür, ob du das Buch lesen möchtest. 

"Defender" - Track by track

 

Sandmann

Johannes, der Defender, die Titelfigur, träumt. In der Traumhandlung sind Elemente aus allen Geschichten des Buchs miteinander verwoben. Sandmann ist eine kurze erste Episode, die zusammen mit der längsten, der letzten Geschichte, die Klammer des Buches darstellt.  

 

Abends fand ich vor dem Fußende meines Bettes ein paar winzige Sandkörnchen. Mit fünf Jahren wundert dich so etwas kein bisschen. Mit fünf Jahren erwartest du förmlich so einen übernatürlichen Scheiß. (Seite 9)

 

 

Herbstastern

Hauptfigur ist Dennis, der Junge, der Dianne in "Die Mitte der Welt" ein Messer in die Schulter rammt. Was man in Herbstastern über ihn erfährt, rechtfertigt seine Tat nicht, macht sie aber viel verständlicher. Mehr als das: Man empfindet tiefes Mitgefühl für den Jungen. Extrem beklemmend. 

 

Warum habe ich ihn überhaupt geliebt? Ist das was Automatisches, dass man seinen Vater als Kind liebt, auch wenn er ein Arschloch ist? (Seite 27)

 

Sah man wirklich ohne Angst in die Augen, aus denen früher ein einziger Blick gereicht hatte, um dich zu demütigen, zu verhöhnen, dir mitzuteilen, wie unwert du warst? (Seite 37)

 

 

Winterlandschaft

Kora, die Freundin von Dianne, wird zusammen mit ihrem kleinen Bruder von den Eltern für einige Wintertage in der unbeheizten Ferienhütte im Wald untergebracht - oder eher ausgesetzt -, damit sich die zerstrittenen Eltern in dieser Zeit ein wenig voneinander erholen können. Auch das möchte man wirklich nicht erleben. 

 

Vor zwei Jahren (…) war ihr plötzlich der Gedanke gekommen, die ganze Welt sei gestorben und liege nun, in schimmerndes Kristall verwandelt, auf ewig unter der festgefahrenen Schneedecke. (Seite 50) 

 

 

Daniel zu lieben

Die Geschichte einer ersten schwulen Liebesbeziehung - auch nicht untragisch, aber mit ironisch-distanziertem, lakonischen Tonfall leichter gemacht.  

Daniels Mutter rät ihm: „Falls aus euch beiden etwas wird, dann frag ihn nie, ob er dich wirklich liebt.“ (Seite 61)

Denselben Rat gibt Glass in „Die Mitte der Welt“ ihrem Sohn Phil, als der sich zum ersten Mal in einen anderen Jungen verliebt. 

 

Gut, ich weiß, zur Liebe gehören immer zwei, damit es funktioniert mit der kosmischen Entfaltung, dem metaphysischen Einswerden und dem gemeinsamen Becher für die Zahnbürsten. (Seite 59)

  

Aber Glück und Unglück haben ihre eigenen Gesetze, sie erschaffen ihre eigene Zeit. Glück dauert kaum länger, als jemand braucht, um dir in die Suppe zu spucken. Das Unglück misst sich an der Zeit, die du benötigst, um diese Suppe mit einem Sieb wieder auszulöffeln, und das ist im Kern auch schon alles an Erkenntnis, was meine Studien über die Ewigkeit hervorbrachten. (Seite 65)

 

 

Die Katze

Darin verführt die coole Kat, die beste Freundin von Phil aus "Die Mitte der Welt", ihren Mitschüler Thomas in einer Art Experiment. 

 

Es war das erste Mal, dass sie die angeblich alte, von Phils Mutter vertretene Theorie bestätigt fand, nach der man sich nur durch radikalen Entzug interessant machte. Das Konzept gefiel ihr nicht, obwohl sie davon profitierte. Sie betrachtete es als eine tiefe Beleidigung menschlicher Intelligenz. (Seite 86)

Ist es auch! So genial auf den Punkt gebracht!

  

Vielleicht war es derselbe beinahe übermächtige, bis dahin nie verspürte Wunsch, den auch sie hatte: nicht allein dem beginnenden Winter die Stirn bieten zu müssen; sich an jemanden anschmiegen zu können, während draußen der Frost das Land zum Erstarren brachte; sich warm und geborgen zu fühlen und nicht daran denken zu müssen, wie sehr frisch gefallener Schnee manchmal einem Leichentuch glich; sich beschützt zu wissen an Tagen, die plötzlich um so vieles kürzer gerieten als die Nächte. (Seite 87)

 

Notiz am Rande: Als auf Seite 73 der Satz "Ein Bild des Jammers." auftaucht, musste ich sofort an I-Ah aus Winnie Puuh denken (die Episode mit I-Ahs Geburtstag). Und ans von Harry Rowohl gelesene grandiose Hörbuch. Dass derselbe Satz auf Seite 129 in "Merle" nochmal vorkommt, fiel mir nur deshalb auf. Whatever it means. 

 

 

Interview

Luka, der seine Schwester Tara aus der Psychiatrie befreien will, und im Interview mit einem unbekannten Reporter - dessen Fragen nicht mit abgedruckt sind - die Strukturen seiner Familie erkennt und versteht. 

 

Nichts ist selbstverständlich. Man kommt auf die Welt, man wird in dem Glauben gelassen, nicht allein zu sein. Immer ist jemand um einen herum, immer ist das Wärme und Essen und Kümmern. 
Dann ist plötzlich nichts mehr. Man wacht auf, eines nicht ganz so schönen Tage, und stellt fest, dass man allein ist. Möglicherweise, was die Sache verschlimmert, umgeben von Dunkelheit. (Seite 102)

 

Wenn ich es definieren müsste, würde ich sagen, Tara zu sehen oder bei ihr zu sein, war wie nach Hause zu kommen. (Seite 103)

Das schönste Gefühl der Welt. Und vielleicht auch das seltenste. 

 

Jeder Mensch hat eine Zeit, in der er am besten aussieht. Dann ist er ganz, ich weiß nicht genau, seine Essenz oder so. Ganz er selbst. Innen wie außen, verletzlich und unbesiegbar. Dann weiß er nichts und alles zugleich. (Seite 107)

 

Also, manchmal denkst du: Dieses oder jenes lang zurückliegende Ereignis ist eines der zwei Millionen Teile, aus denen ich mich zusammensetze. An manche Erlebnisse kann man sich gut erinnern, an andere womöglich gar nicht, jedenfalls nicht bewusst. Aber sie stecken trotzdem in dir drin. (Seite 119/120)

 

Notiz am Rande zum Satz „Sie meint, das Leben wäre Droge genug.“ (Seite 108): erinnert mich an meinen Lieblingssatz aus dem Lieblingsbuch meiner Jugend, „The Outsiders“ von Susan E. Hinton: „Soda never touches a drop. He gets drunk on just plain living“. Ebendieses Buch ist – weit nach meiner Jugend – auch in einer von Andreas Steinhöfel übersetzten Version erschienen. :)

 

 

Merle

Ein Mädchen, das - konfrontiert mit einem eigenartigen neuen Lehrer in gelben Gummistiefeln - ihr bisher recht ereignisloses Leben reflektiert und nie gekanntes Selbstbewusstsein entwickelt und dieses auch praktiziert, indem sie sich dem Gruppenzwang in ihrer Schulklasse widersetzt. 

 

Die ganze Welt, sie selbst ausgenommen, amüsierte sich. Kein Schwein gab etwas auf das, was ihr durch den Kopf ging. Niemanden interessierte, wie allein gelassen sie sich fühlte mit dieser verdammten Stimme, die einfach nicht aufhören wollte, sie mit ständig neuen Fragen zu belästigen. (Seite 145)

 

Das Zitat in der Einleitung oben stammt auch aus dieser Geschichte. 

 

 

Defender

Johannes, auf die schiefe Bahn geratene "Vollhalbwaise", wird von einem geheimnisvollen alten Mann von der Straße gerettet. Er findet Läuterung und neue Perspektive bei der Arbeit in dessen riesiger Bibliothek und seinem Garten. Johannes taucht auch als Comic-Liebhaber in Andreas Steinhöfels Buch "Der mechanische Prinz" auf, ebenso die Kioskbesitzerin Mimi Kaminski.

 

Im Kern ist diese Geschichte eine leidenschaftliche Liebeserklärung an Bücher. Wie man durch sie die Welt kennen- und besser verstehen lernen kann, wie man sich aufgehoben fühlen darf in der Erkenntnis, mit seinen Fragen und Problemen nicht alleine dazustehen. Wie sie mal Wissen vermitteln, mal pure Magie versprühen und wie Lesen regelrecht süchtig machen kann. Jajajajaja! :) 

 

Schöne Brücke: In der Geschichte "Defender" wie im Buch "Die Mitte der Welt" stellt die Bibliothek des jeweiligen Hauses für den Protagonisten die Mitte der Welt dar. Das ist auch eine Form des Nach-Hause-Kommens.  

 

Ihr kleiner Johannes entwickelte sich zu einer Art Ein-Mann-Apokalypse. Aus der Traum vom Messias. (Seite 152)

 

Die Comics waren für mich mehr als die Entdeckung eines neuen Kontinents: Sie öffneten mir die Tür in eine völlig neue, völlig berauschende Welt. Muskelbepackte Superhelden, außen stahlhart, innen jedoch weich, verletzlich und einsam, die sich nicht verarschen ließen, die für jedes Problem eine Lösung fanden, waren, wie ich rasch feststellte, genau mein Ding. (Seite 156)

  

Weil ich plötzlich verstehe, dass jede und jeder von uns ein Held sein kann, doch dass zum Helden deiner eigenen Geschichte dich, im Guten wie im Schlechten, immer die anderen machen. (Seite 197)

Lese(t)räumchen meint

Zerrüttete Familien in jeder Couleur, Vernachlässigung, Einsamkeit, Angst, Gewalt, Verantwortung – und von all dem viel zu viel für die betroffenen Kinder und Jugendlichen. Kein Chi-Chi, sondern hartes, reales Leben, transportiert in rauer, direkter Sprache, bei der man aufpassen muss, dass man sich keine Splitter einfängt oder sich die Fingerkuppen beim Umblättern aufschrapst. 

 

Mehr als einmal habe ich mich dabei ertappt, mit zusammengepressten Lippen und flachem Atem zu lesen, in der Hoffnung auf einen kleinen Lichtblick (von einem Happy End reden wir gar nicht erst). Meist vergeblich. Zu bedrückend viele der Geschichten und zu wahr in ihrem Kern. 

 

Denn: Vieles in diesen Geschichten ist autobiografisch. Personen, Orte, Ereignisse, Gedanken, Gefühle. Verteilt auf verschiedene Figuren, auf verschiedene Plots. Dass ein einzelnes Kind oder mehrere Kinder einer Familie all das erlebt und überstanden haben sollen, das würde dem Leser vermutlich übertrieben und unglaubwürdig erscheinen.

 

Dazu passt eine Passage in "Der mechanische Prinz", das zwei Jahre nach "Defender" veröffentlicht wurde. Darin lehnt der Kinderbuchautor Andreas St. die Geschichte des Jungen Max erstmal mit den Worten ab: "Die Geschichte ist so erschreckend, sie ist so grauenvoll, dass man sie Kindern nicht zumuten kann." Und Max entgegnet: "Ich hab sie auch überlebt."   

 

Um eine Verbindung zum Buch zu bekommen, genügt es, ein sensibles Kind (eine Tautologie, oder?) gewesen zu sein, eins mit gutem Gedächtnis. Um sich an Willkür zu erinnern, an Ausgeliefertsein, Ungerechtigkeit, an Unverständnis und Einsamkeit. Anyone?

 

Doch bei aller Schwere ab und zu gibt's ab und zu auch eine Prise comic reliefZum Beispiel in Daniel zu lieben:

 

Ihren Mann weihte sie gar nicht erst ein, dafür vergoss sie selbst in dieser Zeit Tränen für zwei. Ich schätze, sie musste jeden Tag einen Löffel Kochsalz schlucken, um ihren Ionenhaushalt auszugleichen. (Seite 67) 

 

Oder in diesem Satz aus "Die Katze", bei der es um eine Ägypten-Reise von Kat und ihren Eltern geht:

 

Wieder das Getue der Besucher, diesmal um die fehlende Nase der Sphinx, die seit dreitausend Jahren zu Tode gelangweilt im Wüstensand kauerte und garantiert nur deshalb grinste, weil alle Welt einen dermaßen hysterischen Zirkus um ihren abgefallenen Zinken veranstaltete. (Seite 74)

 

 

"Defender" ist darüberhinaus erstaunlich zeitlos. Hätte ich nicht ins Impressum geschaut, wäre ich niemals darauf gekommen, dass es vor 15 Jahren schon veröffentlicht wurde. Und vielleicht bekommt es dieses Jahr ja nochmal richtig Aufwind: Mitte November kommt die Verfilmung von "Die Mitte der Welt" in die Kinos, was garantiert das verfilmte Buch sehr pushen wird und möglicherweise auch "Defender". Wegen des Untertitels ... 

Fazit

Warum ich also finde, dass man sich auf "Defender" einlassen sollte? 

 

Weil das Buch zwar reichlich pieksige Stacheln hat, sich darunter jedoch wahre S(ch)ätze befinden, von denen man immer mehr findet, je öfter man die Geschichten liest.

 

"Defender" ist keine schnelle Lektüre für zwischendurch. Aber wer sich darauf einlässt, den werden diese Geschichten berühren, da bin ich sicher.


Steckbrief

Defender - Geschichten aus der Mitte der Welt

Andreas Steinhöfel

 

Umfang: 208 Seiten

Preis: 7,99 Euro 

Verlag: Carlsen

Altersempfehlung des Verlags: 13 bis 16 Jahre

Erscheinungstermin: 23.9.2004

 


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Kommentare: 3
  • #1

    Chrissy (Mittwoch, 19 Oktober 2016 01:07)

    Wow!!! Toll und mit viel Herzblut geschrieben, das merkt man. Ich glaube, ich sollte das Buch auch mal lesen..... Danke für den Tipp!

  • #2

    Andreas Steinhöfel (Sonntag, 22 Januar 2017 21:09)

    Nun bin ich wegen du-weißt-schon-was hier gelandet, bin dabei über den 'Defender' gestolpert, und habe richtig Lust gekriegt, mein eigenes Buch zu lesen. Schön geschrieben (dein Text ... okay, mein Buch auch :)), und bei aller Ausführlichkeit echt kurzweilig. Me like - thankee! :)

  • #3

    Jenni/Leseträumchen (Sonntag, 22 Januar 2017 21:19)

    Oh, danke!! :) Hab's eben auch nochmal gelesen, was ich geschrieben habe. Stimmt - hat was. ;) Wahrscheinlich meine persönlichste Buchbesprechung ...