GELESEN | Jo Cotterill: Eine Geschichte der Zitrone

Wenn das Leben dir Zitronen gibt ...

Zwei kleine Mädchen, Bücher, Zitronen, innere Stärke und jede Menge Herausforderungen - eine wundervolle Geschichte, die tief berührt.

Darum geht es

Calypso ist 11 1/2 Jahre alt. Sie liebt Bücher, das Lesen und das Schreiben. Sie liebt ihren Dad und ihre Mum.


Doch ihr Leben ist nicht so beschwingt und fröhlich wie ihr Name: Ihre Mum ist gestorben, als Calypso erst fünf war. Ihr Vater vergräbt sich in Arbeit (seit Jahren schreibt er an einem Buch über die Geschichte der Zitrone), benimmt sich zuweilen merkwürdig und überlässt das kleine Mädchen viel zu oft sich selbst. Mehr noch: Sie ist diejenige, die darauf achten muss, dass Essen im Haus ist, zubereitet wird und dass er es auch isst.

 

Für ihren Dad scheint das in Ordnung zu sein. Schließlich hat er seine Tochter mit großer Überzeugung zur Selbständigkeit erzogen, im praktischen Handeln und vor allem emotional. Er vermittelt ihr stets, dass es unabdingbar sei, innere Stärke zu haben. Was für ihn bedeutet, von anderen Menschen unabhängig zu sein. Calypso hat diese Lektion zwar völlig verinnerlicht, doch im Alltag erscheint ihr deren Umsetzung oft nicht so leicht. Und das fühlt sich für sie dann erst recht wie große Schwäche an.

 

Nach den Ferien kommt die fröhliche, unbekümmerte Mae in Calypsos Klasse und sucht die Freundschaft des verschlossenen Mädchens. Die beiden finden schnell heraus, dass sie Wörter lieben, Geschichten, das Lesen und Mae findet, sie seien verwandte Seelen. Wie ein Wirbelwind fegt sie durch Calypsos Leben. Und sie wirbelt viel Gutes hinein.

 

Durch Mae erfährt Calypso, was Freundschaft ist, tiefe, beglückende Freundschaft, wie schön es ist, etwas gemeinsam zu haben, über vieles reden zu können, sich verstanden zu fühlen, gesehen und innig gemocht zu werden. Wie ihre Lehrerin feststellt, macht das Calypso zu einem "ganz anderen Menschen". Sie erlebt bei Mae, wie normale Familien leben, glückliche Familien. Solche, die in schönen Häusern wohnen, in denen Wärme und Geborgenheit herrscht, in denen gestritten und gelacht wird und in denen regelmäßig gutes Essen auf den Tisch kommt. Lauter Dinge, die Calypso aus ihrem Leben nicht kennt.

 

Der Kontrast zwischen der heilen Welt außerhalb und der zerbrochenen innerhalb ihres Heims ist für sie nicht einfach zu begreifen und zu handhaben. Zumal sich die Lage zu Hause mehr und mehr verschärft.

 

Der Weg in ihr Leben als "anderer Mensch" ist für Calypso mit vielen großen Herausforderungen gepflastert. Und ob innere Stärke allein ihr dabei helfen kann, ist mehr als fraglich.

Lese(t)räumchen meint

"Eine Geschichte der Zitrone" ist eines der berührendsten Bücher, die ich in den letzten Monaten gelesen habe.

Die kleine Calypso ging mir so ans Herz, dass ich sie oft am liebsten einfach aus dem Buch herausgeholt und in die Arme genommen hätte. Klar, in allen Kinder- und Jugendbüchern geht es in irgendeiner Weise um Freundschaft. Aber ich habe selten eine so ernsthafte und rührende Verbindung zwischen zwei kleinen Mädchen in einer Geschichte gefunden wie in dieser.

 

Und obwohl das Buch einige schwierige Themen behandelt (den frühen Tod der Mutter, die Depressionen des Vaters, Einsamkeit, emotionale Überforderung, Unsicherheit, um nur ein paar zu nennen) und seine traurigen Momente hat, ist es nicht schwermütig oder gar deprimierend. Die Wärme, die Mae und ihre Familie ausstrahlen, und Calypsos eigene Stärke, die sie unbestritten hat, trägt sie - und den Leser - durch die tiefen Täler. (- durch das graue Gefühl. Diesen Begriff muss ich als Rico- und Oskar-Fan einfach mal mit einflechten. :))

 

Wie Calypso lernt, dass es okay ist, zu weinen, zu umarmen und sich umarmen zu lassen, sich in Abhängigkeit zu jemandem zu begegeben, den man sehr mag, das ist einfach wunderschön geschildert. Calypso ist so empathisch und klug und lernt so viele schwierige Dinge in kurzer Zeit - und das alles wird in einfacher Sprache von ihr als Ich-Erzählerin vermittelt.

 

Und es ist auch ein Buch, das die Liebe zu Büchern zelebriert. Und wie! Herrlich! Die Liebe der Mädchen zu Büchern und zu den Geschichten, die sie selbst schreiben. Die Liebe von Calypso zu den Büchern, die ihre Mum ihr hinterlassen hat. Und auch die - etwas auf Abwege geratene - Liebe ihres Vaters zu seinem Zitronen-Buch, das ihn leider eher sauer als lustig macht.

 

Ich könnte seitenlang von diesem Buch schwärmen und einen faszinierenden Aspekt nach dem anderen hervorholen. Und ich könnte zitieren von bestimmt 40 Seiten, die ich mit Klebestreifchen markiert habe (viel mehr als oben auf dem Foto), so schön und so wahr sind viele Stellen für mich.

 

Exemplarisch hier nur diese: Als Calypso von einem Mädchen gefragt wird, wozu Lesen denn gut sei, antwortet sie:

 

"Lesen ist für alles gut. Man kann an Orte reisen, zu denen man im echten Leben nie käme. Man kann ein Mensch sein, der man nicht ist. Man kann Dinge tun, die man sonst nicht tun dürfte." (Seite 154).

 

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Fazit

Eine wundervolle Geschichte über die Liebe zu Büchern und die Liebe zu Menschen.

Lesen und sich berühren lassen!

Update, 13.4.201

Ein Update mit Herzchen in den Augen. :)


Steckbrief

Eine Geschichte der Zitrone
Jo Cotterill
übersetzt von Nadine Püschel

 

Umfang: 256 Seiten

Preis: 16,99 Euro

Verlag: Königskinder

Altersempfehlung des Verlags: ab 12 Jahre

Erscheinungstermin: 29. September 2016
 
Hier geht's zur Leseprobe auf der Website des Verlages! 

  

 


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