GELIEBT | „Odu“ an Rico und Oskar

Große Liebeserklärung an zwei kleine Buchhelden

Jetzt auch auf dem neuen Blog. Mit Fotos.

"Einen feierlichen Text nennt man eine Odu, und meine ging so:  (...)"

Rico in „Rico, Oskar und das Herzgebreche“, Seite 159

 

  

Odu lieber Rico, odu lieber Oskar,

es gibt Dinge im Leben, die sind unausweichlich, unvermeidlich, schicksalhaft und dergleichen. 

 

Euch kennenzulernen, war für mich zum Beispiel absolut unvermeidlich. Dabei waren schon längst alle drei Bände eurer Abenteuer erschienen, als ich euch endlich in mein Leben gelassen habe. Wie oft hatte ich die Bücher schon in Buchhandlungen liegen sehen, sie beäugt und auch mal angelesen. Immer neugierig, immer angezogen von diesen merkwürdigen (und merk-würdigen) Titeln: Tieferschatten! Herzgebreche! Diebstahlstein! Ganz schön schräg. Euer Erfinder und Papa, der Andreas Steinhöfel, hat einmal in einem Interview gesagt, es sei völlig in Ordnung, wenn Leute eure Abenteuer der Titel wegen als „die drei bekloppten Bücher“ bezeichnen würden. Voll C und L! 

 

Auch die Cover! Hingucker, ohne Frage. Die Illustrationen von Peter Schössow sind famos, aber zwischen den anderen Kinderbüchern mit den üblichen niedlichen und quietschbunten Illus von knuddeligen Kinderchen sehen die Zeichnungen von euch ganz schön ... na ja: anders aus. 

 

Oskar, bei dir wird nichts beschönigt: die riesigen Zähne und all das zu große und auch sonst unpassende Zeugs, das du auf dem Kopf hast: Helm, Sonnenbrille, peruanische Bommelmütze. Und dabei sieht man durch diese Accessoires deine abstehenden Ohren noch nicht mal. 

 

Rico, du siehst eigentlich ganz normal aus. Auf keinen Fall tiefbegabt. Aber Oskar, entschuldige, dir sieht man die Hochbegabung da nun wirklich auch nicht an.  

 

Es brauchte dann noch zwei große Anschubsereien, bis es endlich so weit war. Dann aber richtig! Und weil das so außergewöhnlich war, habe ich es mir auf ein knallpinkes Post-It geschrieben, das in Band 1 klebt: „Gelesen 7., 8., 9.3.2015“. Also inhaliert quasi. Sind ja weit über 800 Seiten insgesamt.

 

Als ich am Anfang von Band 1, das ist der mit den Tieferschatten, über die leichte Ekeligkeit der von Fitzke verschlungenen Fundnudel weg war, standen alle Türen offen und ihr beiden seid direkt in mein Herz gehüpft, kawumm. Und da seid ihr immer noch. Ich sage euch auch gleich, warum.

 

Ihr seid meine liebsten fiktiven Nachbarskinder. Vielleicht wäre ich ja gern die nette Frau Dahling aus dem dritten Stock, die euch eine mütterliche Freundin ist und euch mit den leckersten Müffelchen versorgt. Die, in deren Wohnzimmer es „wie im Inneren einer warme Wolke aus Kuscheligkeit und Kümmern" ist. Aber erdbeerstichige Haare hab ich nicht. Und zum Glück auch kein graues Gefühl, meistens zumindest. 

 

Und Oskar, auch wenn du ein kleiner Klugscheißer bist und Rico am Anfang nur als Steigbügel für deine Jagd nach Mister 2000, dem Aldi-Kidnapper, benutzt – man kann ja nicht anders, als dich liebzuhaben. Erstens erfahren wir Leser irgendwann, warum du das tust (z. B. weil du nach eigener Aussage von allen bescheuerten Vätern der Welt den bescheuertsten abbekommen hast und deine Mutter woanders wohnt und nichts von dir wissen will) und zweitens machst du ja eine ganz schöne Wandlung durch im Laufe der Zeit, die du mit Rico verbringst. 

 

Und Rico, du Süßer, du hast’s ja auch nicht so leicht, obwohl du das Herz so dermaßen am rechten Fleck hast, wie man es nur haben kann. Aber du bist ein bisschen tiefbegabt (aber nur im Kopf und nur manchmal) und bekommst deshalb nicht viel von der Welt zu sehen, außer ab und zu mal die Wohnungen deiner Nachbarn in der Dieffe 93 in Berlin und das Förderzentrum. Diese blöde Bingotrommel in deinem Kopf, die stresst dich ganz schön und immer in den unpassendsten Momenten. Dein Papa lebt nicht mehr, Fitzke aus dem Vierten nennt dich „Schwachkopf", Jule aus dem Ersten ist leider nicht genauso in dich verknallt wie du in sie ... Bingokugeln mit Schicksalskacke obendrauf, echt! Aber du lässt dich nicht unterkriegen. Vor allem, weil du weißt: Deine Mama hat dich sehr, sehr lieb (du sie ja auch!). 

 

Aber sie arbeitet in einem Nachtclub (als Geschäftsführerin, sie bestellt die Getränke und dergleichen und ihr Geruch ist total okay, nämlich von Douglas, kein bisschen verrucht) und deshalb schläft sie tagsüber, wenn du zu Hause bist. Und abends, wenn du ins Bett musst, geht sie arbeiten. Ihr habt also gar nicht so sehr viel voneinander. Du bist das tapfere Kind, das nachts alleine in der Wohnung ist und sich die Bettdecke über den Kopf ziehen muss, um die gruseligen Tieferschatten im einsturzgefährlichen Hinterhaus nicht sehen zu müssen. Da könnte man leicht Para-Neujahr bekommen. Dieses Wort lernst du allerdings erst später kennen.

 

Aber um deinen neuen – und einzigen – Freund Oskar zu retten, wächst du über dich hinaus, Rico, und bist kein bisschen tiefbegabt, sondern schlau (auch wenn das Nachdenken eine Weile dauert) und vor allem bist du  mutig.

 

Und Oskar, du lernst im Laufe der Zeit mit Rico, Vertrauen zu haben und dich zu öffnen. Was nicht leicht für dich ist, wie man versteht, wenn man später dein heimisches Umfeld und deinen Vater Lars näher kennenlernt. Rico sagt, der hätte voll den Sockenschuss und wird richtig sauer, weil man doch sein Kind nicht so behandelt, wie Lars es tut. Alles total Sparta, in der Wohnung und vor allem im Herzen.

 

Tja, und nachdem ihr in eurem ersten Abenteuer die Tieferschatten enttarnt und Mister 2000 überführt habt und du, Rico, auf Leben und Tod mit einer massigen Gehirnerschütterung gerungen hast, geht’s gleich weiter mit den Aufregungen und mit voll dem Herzgebreche.

 

Im Film ist das geniale Wort in einer Szene ganz toll umgesetzt mit einem gezeichneten Herz, das in Comic-Manier über deinem Kopf zerspringt. Aber bei euch gibt’s eben kein Dutzi-Dutzi, sondern echtes Leben und darin herrscht nicht immer eitel Sonnenschein. 

 

Da hilft auch der weibliche Teil der doppelten Kessler-Zwillinge aus dem Haus nicht, die dich, Rico, total niedlich finden und dich, Oskar, mit einem Teddybärchen beschenken („Es heißt Reling!“ – „Oh, schöner Name. Dänisch?“). Es geht um viel mehr. Um deine Mama, Rico, die sich so seltsam verhält und bedrückt wirkt und das nicht nur, weil ihr Bruder sehr krank ist. Es geht auch um den Bühl, diesen schicken Polizisten, der seit einer Weile in der Dieffe 93 wohnt, und der „die schärfste Schnitte“ ist, die deiner Mama je begegnet ist. Bingo-Betrug, Erpressung, Hehlerei und ein kleiner Jack Russell – es geht rund in euren Leben. 

 

Am Ende seid ihr zwar alle wieder in Sicherheit, aber es ist doch noch nicht alles wieder so richtig gut. Zu viel Herzgebreche, ein Rest von grauem Gefühl, viele unbeantwortete Fragen. Wir lassen euch erstmal für eine  Weile allein und treffen uns dann wieder …

  

… zu eurem dritten und größten gemeinsamen Abenteuer. Der Diebstahlstein gibt der Geschichte den Namen. Was das ist, seid ihr bestimmt oft gefragt worden. Na, ein gestohlener Stein natürlich. Aber ein ganz besonderer.  

 

Rico, da du daran glaubst, dass man Steine züchten kann, wie das der immer muffige und müffelnde Nachbar Fitzke getan hat, bist du der Alleinerbe seiner riesigen Steinesammlung. Damit, dass Fitzke ziemlich bald nach dem Verfassen seines Testaments ganz plötzlich und unerwartet als Toter kreuz und quer im Treppenhaus herumliegen würde, konnte natürlich keiner rechnen. 

 

Jedenfalls, als du dein Erbe antreten willst, stellst du zusammen mit Oskar fest, dass der wertvollste aller Steine fehlt, der Kalbstein, Fitzkes einziger Zuchterfolg, dessen ideeller Wert viel höher ist als der materielle (was ideell ist, soll dir Oskar nachher erklären, dann kannst du es in dein Lexikon reinschreiben). 

 

Und Oskar, du begleitest Rico auf dem Weg an die Ostsee, um dort der Spur des Steins zu folgen. Rico, der im ersten Band noch nicht mal über die Stadtgrenzen von Berlin hinaus gekommen war, im zweiten nur ein paar Kilometer weiter, der reist jetzt an die Ostsee! Und das kann er nur mit dir, denn alleine verirrt er sich ja nach eigenen Angaben schon in einem Supermarkt mit nur einem Gang. Wo er doch das Orientierungsvermögen einer besoffenen Brieftaube im Schneesturm bei Windstärke 12 hat.

 

Wenn du ehrlich bist, bedeutet dir der Stein nichts und dass Rico so wild darauf ist, ihn zu finden, kannst du gar nicht verstehen. Aber du hast – mal wieder – eine eigene Mission, einen privaten Rachezug und deshalb machst du diese Reise mit. 

 

Es ist schön zu beobachten, wie ihr beiden über euch hinauswachst, wenn ihr zusammen seid, euch Sachen traut, die ihr allein nie tun würdet. Und wie ihr erst mal lernen müsst, was es wirklich bedeutet, Freunde zu sein und einander zu vertrauen. Was das angeht, machst du, Oskar, es Rico nicht leicht, das musst du zugeben. Aber als ihr auch diesen Fall gelöst habt, seid ihr beide in jeder Hinsicht einen großen Schritt weiter. 

 

Die Szene, als du, Rico, aus dem „Dschungel“ zurückkommst nach eurem großen Streit und Oskar auf dich wartet, die geht echt ans Herz. Auf die freue ich mich schon sehr in der Verfilmung. Wahrscheinlich werde ich ein bis zwei Tränchen verdrücken und mir wünschen, ich könnte euch eine Runde knuddeln. 

 

Das könnte ich aber sowieso fast immer. Eine meiner Lieblingsszenen – also von den witzigen – ist die, in der ihr auf dem Sofa sitzt und erst aus Versehen die Kaminfeuer-DVD von Frau Dahling bestaunt und dann in „Das Schweigen der Lämmer“ im Fernsehen reinzappt. „Ist der mit Schmetterlingen!“ – „Und mit Lämmern?“ – „Glaub schon.“ -  „Ein Tierfilm?“. 

 

Zwei kleine Jungs, die voller Furcht vor einem sehr gruseligen Film auf dem Sofa wie festgetackert sind und sich Augen beziehungsweise Ohren zuhalten, das ist eine Episode aus der Kindheit eures Erfinders Andreas und dessen Bruders Dirk. Ihr seid also nicht die einzigen, die sich der Faszination des Grauens nicht entziehen können. 

 

Dass ich eure Geschichten halb auswendig kenne, liegt daran, dass es sie tollerweise auf CD gibt, gelesen von Andreas Steinhöfel selbst. Er liest die meisten seiner Werke für die Hörbücher ein und die sind alle klasse. Aber eure Geschichten, von ihm gelesen, sind einfach nochmal klassiger als alles andere. Nicht auszudenken, wenn jemand Fremdes euch die Stimme geliehen hätte. 

 

Ich habe Dutzende von Lieblingsstellen, so rein anteilsmäßig gesagt. Sowas wie: „Magst du mal durch den Pavian gucken?“ – „Das heißt Paravent!“. Oder „Das ist Frischkäse!“ – „An meiner Bommel?“. Oder die Schilderung, wie ihr im überfüllten Regionalexpress leiden müsst (kann ich SO gut nachfühlen!), Maja und Willi, das süße „Du hast mir viel gefehlt“, die „Lieber Rico, dein Oskar“-Postkarte, natürlich der „Mensch ärgere dich nicht“-Abend mit dem Huschroller Otto auf dem Furzsofa – „‘tschuldigung!“ – und mehr. Viel mehr. 

 

Die aufgeschriebenen Geschichten habe ich tatsächlich nur einmal (Band 3 zweimal) gelesen, aber den Hörbüchern habe ich schon unzählige Male gelauscht, und das sind ja immerhin 13 CDs. Daran liegt es wohl, dass sich die Dieffe 93 und ihre Bewohner so heimisch und vertraut anfühlen. Was dazu führt, dass ich oft denke: „Ach, das ist ja wie bei Rico und Oskar, als sie …“. Und dass ich immer wieder gerne aus den Büchern zitiere, wo es passt (so wie man mal kurz lässig ein Loriot-Zitat einwirft) – aber es versteht ja keiner von den Erwachsenen … sellawie. 

 

Und dann hatte ich auf der Frankfurter Buchmesse letzte Woche die ganz große Freude, mit Andreas Steinhöfel zu sprechen. Das Interview gibt's hier zu lesen.

 

Er lechzt definitiv nicht nach Lobhudeleien, aber ich sag’s seit langer Zeit allen, die es hören wollen und auch nicht: Die „Rico und Oskar"-Trilogie ist einfach großartig (Trilogie bedeutet, dass eine Geschichte in drei Büchern erzählt wird, Rico). Die Figuren sind so besonders und so schön skurril. Die Geschichten sind in jedem Detail so durchdacht und vielschichtig und haben so viele Botschaften innerhalb und jenseits der Freundschafts- und Krimistory, witzige und traurige. Alle drei Teile sind so elegant miteinander verwoben, dass es eine sehr große Freude ist. Und wer sich jemals, als Kind oder später, als Außenseiter gefühlt hat, der findet sich hier wieder und weiß: Du bist nicht allein damit. 

 

Und am Ende wünscht man sich nichts mehr, als so einen tollen besten Freund zu haben, wie ihr es füreinander seid, Rico und Oskar – das Herzchen und „der rationale Typ“! 

 

Am Ende von Teil 3 gibt’s ja schon ein fettes Happyend und es ist kein Geheimnis mehr, dass es noch ein bisschen weitergehen wird mit einer eigenen Weihnachtsgeschichte aus der Dieffe 93. Auf die ich mich schon sehr, sehr freue! Und da könnte es noch Happyend-iger werden, wenn wir alle Glück haben!

 

Und ich bin sicher: Wenn man in ein paar Jahren und Jahrzehnten Leute nach den Lieblings-Buchhelden ihrer Kindheit befragt, dann werden ganz viele „Rico und Oskar“ antworten. Das macht so ein warmes Herz wie der „Zufall“, dass ich am Abend vor dem Interview in mein Hotelzimmer kam und im Hotel-TV behagliches Kaminfeuer loderte … (aber leider wart ihr nicht da! ;)) Mann, Mann, Mann!

 

Und eins kann ich euch versprechen: Egal, wie viele Bücher ich in meinem Leben noch lesen werde (hoffentlich sehr viele): Rico und Oskar, ihr beiden werdet immer ein besonderes Plätzchen (nein, keinen Keks!) in meinem Herzen haben, versprochen!

 

Stay gold. (Aber das ist ein anderes Buch und eine ganz andere Geschichte.)

Ende der Odu.

 

Liebe Grüße und Umarmung!

Eure Jenni

 

 

Illus Rico & Oskar: Peter Schössow.

Deko & Fotos: Lese(t)räumchen

Das hier musste ich natürlich unbedingt von meinem alten Blog hierher rübernehmen. :)

Steckbrief

Die Rico-Oskar-Trilogie von

Andreas Steinhöfel

 

Rico, Oskar und die Tieferschatten | 2008

Rico, Oskar und das Herzgebreche| 2009

Rico, Oskar und der Diebstahlstein| 2011

 

Alle Bücher erschienen im Carlsen Verlag.

 

Alle Hörbücher und Hörspiele veröffentlicht bei Hörbuch Hamburg/Silberfisch.

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(c) sad Origami
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