GELESEN | Jutta Wilke: Roofer

Nichts für schwache Nerven ...

... zumindest, wenn man nicht schwindelfrei ist. Über den Dächern von Frankfurt turnen waghalsige (oder eher lebensmüde?) Jugendliche - im wahrsten Sinne immer am Rande des Abgrunds.

Darum geht es

Roofer sind nennt man die Jugendlichen, die auf Häusern, in Rohbauten, auf Kränen und ähnlichem herumklettern, in schwindelerregender Höhe, ohne Sicherung und immer mit Kamera, um ihre "Ausflüge" zu dokumentieren. Hauptsache hoch, Hauptsache spektakulär. 

 

In eine Clique von Roofern gerät Alice durch ihre beste Freundin Nasti, deren neuer Freund Trasher einer der Stars der Szene ist. Sein ewiger Wettkampf mit Adrian treibt die beiden Jungs zu immer waghalsigeren Klettereien. Alice will eigentlich nicht dazugehören (zumal sie starke Höhenangst hat), aber sie mag ihre beste Freundin nicht verlieren. Außerdem ergreift sie gerade ganz gern jede Gelegenheit, um ihrem trostlosen Zuhause zu entkommen, das ihr keinen Halt bietet. Und außerdem gehört zur Clique auch der obdachlose Nikolas, der eine seltsame Anziehung auf Alice ausübt. Innerhalb weniger Tage mit den Roofern erlebt Alice aber dann doch weit mehr, als ihr lieb  ist.

Lese(t)räumchen meint

Eine Geschichte wie ein Videoclip - detaillierte, intensive und mitreißende Schilderungen von Orten und Aktionen.

 

Die Handlung beschränkt sich auf wenige, sehr intensive Tage und auf einige Orte in Frankfurt (vor allem verlassene Baustellen). Nebenbei bekommt man einen Einblick in Alices desolate Situation zu Hause (verhasster Stiefvater, devote Mutter, steriles, unpersönliches Haus - ein durch und durch liebloser Ort) und ihre Verbindung zur chaotischen, impulsiven Freundin und Schulnebensitzerin Nasti. Letztlich geht es in der zeitlich so kompakten und temporeichen Geschichte aber weniger um Charakterstudien, als vielmehr um die Action der Roofer, in die vielen einzelnen Schicksale eingewoben sind.  

 

Als absolut nicht schwindelfreie Leserin war das Buch definitiv keine Lektüre für einen entspannten Leseabend (und das soll es ja auch gar nicht sein), zu sehr habe ich mitgefiebert. Komischerweise eigentlich, denn die beiden, die das größte Risiko eingehen - Trasher und Adrian - lernt man nicht besonders gut kennen; die waren mir nicht ans Herz gewachen. Nasti (ja, ein bisschen nasty ist sie auch) eigentlich auch nicht, weil ihre Abhängigkeit von Trasher sie aus meiner Sicht als ernstzunehmende Person abwertet. Und auch Alice, obwohl man sie am besten kennenlernt und die Geschichte aus ihrer Sicht erlebt, war mir nicht so richtig nah. Dennoch wurde ich in den Strudel der Ereignisse gezogen und habe mitgefiebert. 

 

Beobachtung am Rande: Da ich erst kürzlich mal wieder Andreas Steinhöfels "Die Mitte der Welt" gelesen und die Verfilmung angeschaut habe, könnte ich da eventuell eine kleine Anlehnung oder auch Hommage entdecken: der geheimnisvolle, faszinierende Nicholas, der Phil den Kopf verdreht und dessen beste Freundin, die freche, wilde Kat bei Steinhöfel. Hier der ebenfalls geheimnisvolle und auf andere Weise faszinierende und gleichnamige (wenn auch anders geschriebene) Nikolas und die ungebändigte Nasti als beste Freundin. Die perfekten Charaktere für Jugendromane.

 

Zugabe

 

Die absolut unglaublichsten und sensationell guten Fotos von zwei russischen Roofern auf Europareise gibt's hier oder beim Klick auf den Screenshot zu sehen.

 

Begleitend zu diesem Buch unbedingt mal reinschauen! Schwitzige Handflächen und angehaltener Atem garantiert.  

 

Fazit

Spannende und fesselnde Lektüre, vor allem, wenn man nicht schwindelfrei ist - ernsthaft!

Ob sie Jugendliche eher zum Roofing anspornt oder davor abschreckt - wer weiß. Mein Hobby wird's nicht. Ich bleibe beim Lesen - mit sicherem Boden unter den Füßen. :)


Steckbrief

Roofer

Jutta Wilke

 

Umfang: 256 Seiten

Preis: 14,95 Euro

Verlag: Coppenrath

Altersempfehlung des Verlags: ab 14 Jahre

Erscheinungstermin: 14. Juni 2017

 

Hier geht's zur Vorschau auf der Website des Verlags.


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