GEHÖRT | Ute Krause: Im Labyrinth der Lügen

Hüben und drüben

Wenn ein spannendes Kinderdetektivbuch so viel mehr ist - gelebte Geschichte, eine Kindheit in der DDR. Faszinierendes Werk von Ute Krause, gelesen vom unvergleichlichen Stefan Kaminski.

Darum geht es

Paul ist 12 Jahre alt und lebt in Ostberlin bei seiner Oma und seinem Onkel Henri. Seine Eltern leben seit kurzem in Westberlin; sie wurden aus dem Gefängnis freigekauft. Die Folgen sind gravierend für die ganze Familie. Eine davon ist, dass Paul in seiner Klasse isoliert ist. Ein Glück wir die neue Mitschülerin Milena neben ihn gesetzt. Die beiden verstehen sich gut und freunden sich schnell miteinander an. Milena, genannt Millie, hat eine kubanische Mutter, ist dadurch ebenfalls eine Außenseiterin, und Paul und Millie sind froh, ineinander jemanden gefunden zu haben, dem sie alles anvertrauen können. Zumindest zu Beginn ihrer Freundschaft ...  

 

Pauls Onkel ist Nachtwächter im berühmten Pergamonmuseum, wo Paul ihn ihn ab und zu besucht und ihm Essen von zu Hause bringt. Eines Abends schließt Millie sich ihm an. Just an diesem Abend hören die beiden Kinder seltsame Geräusche im Museum. Onkel Henri scheint mehr darüber zu wissen, aber er schweigt und es ist klar, dass er viel mehr weiß, als er zugibt. Paul gerät ins Zweifeln: Ist sein Onkel womöglich in krumme Geschäfte verwickelt? 

 

Millie und Paul können nicht anders: Sie spielen Detektiv und gehen der Spur nach. Dabei geraten sie immer tiefer in rätselhafte Ereignisse und treffen auf mysteriöse Personen, deren Rollen ihnen nicht klar sind. Die Freundschaft der beiden Kinder gerät ins Wanken, denn niemand weiß mehr, wem er vertrauen kann und Pauls ganze Familie gerät in große Gefahr, ohne dass er es bemerkt.  

Lese(t)räumchen meint

"Im Labyrinth der Lügen“ spielt in den 1980er Jahren in der DDR, genauer gesagt in Ostberlin.  Verunsicherung ist die Taktik der Herrschenden und Pauls Familie gerät ins Visier der Stasi, sodass sich alle Familienmitglieder in großer Gefahr befinden.

 

Mit Fokus auf dem 12-jährigen Paul ist die Geschichte sehr dicht und extrem spannend erzählt. Diese Spannung entsteht vor allem durch Verunsicherung: Paul weiß im Laufe der Zeit immer weniger,  wer welche Rolle hat und vor allem wem er noch trauen kann. Seinem Onkel Henri, seiner Oma? Beide scheinen so viel mehr zu wissen, als sie ihm sagen.

Und was ist mit seiner besten Freundin Millie? Eigentlich scheint sie ja in Ordnung zu sein, aber ihr Vater ist so verschlossen und äußerst unsympathisch. Und was führt dieser seltsame Professor im Schilde, den die Kinder aufspüren? Und so ist dieses Buch spannend wie ein Krimi, aber ein sehr realistischer, denn solche Lebensgeschichten hat es ja wirklich gegeben. 

 

Ich finde "Im Labyrinth der Lügen" ist ein ganz wichtiges Buch für eine sehr breite Zielgruppe: für jene, die die Wende miterlebt haben, egal in welchem Alter. Und für die, die sie nur aus dem Geschichtsunterricht kennen, die Kinder von heute. Geschichtsunterricht bleibt ja oft abstrakt und die Geschehnisse fern von wirklichem Verständnis und fern davon, uns emotional zu bewegen.

 

Wenn man bedenkt, wie viele Familien lange Zeit durch die Mauer getrennt waren, dann weiß man, wie wichtig es ist, dass die Kinder und Jugendlichen heute diesen großen Umbruch verstehen. „Im Labyrinth der Lügen“ kann auf jeden Fall einen wichtigen Beitrag dazu leisten, da bin ich mir sicher.

  

Stefan Kaminski liest die Hörbuchfassung absolut grandios: mit klar unterscheidbaren und immer wiedererkennbaren Stimmen und völlig dezent und unaufgeregt. So angenehm klingt das und dann wieder so lebhaft, dass ich mir diese Geschichte mehrmals angehört habe. Wobei natürlich nichts über das erste Lauschen geht, wenn man noch nicht weiß, wie alles ausgeht und unglaublich gespannt mit Paul zusammen rätselt und bangt.  

 

Zur Zeit der Wende war ich Studentin in Süddeutschland, also geographisch weit weg; ich habe alle Informationen und Emotionen nur aus zweiter Hand im Fernsehen serviert bekommen. Das Ende von "Im Labyrinth der Lügen" hat mich wieder in diese Zeit zurück versetzt und das war sehr bewegend. Dieser große Umbruch hat definitiv Spuren bei allen hinterlassen, die ihn damals bewusst miterlebt haben.

 

Verdiente Auszeichnung: "Im Labyrinth der Lügen" wurde mit dem Deutschen Hörbuchpreis 2017 als bestes Kinderhörbuch ausgezeichnet.

Die Jury begründet die Auszeichnung folgendermaßen (Quelle):

"Stefan Kaminski ist wahrscheinlich gar kein Sprecher, sondern Geheimagent. Denn je spannender die Geschichte wird, umso cooler wird er. Als Erzähler entführt er die Zuhörer in die Zeit der deutschen Teilung, die man sonst nur aus Schulbüchern kennt. Und er erzählt nicht nur. Er gestaltet mit seiner Stimme jede Person so lebendig und glaubhaft, dass man sie vor sich sieht. Ob Inszenierung oder Länge – auch sonst wurde bei diesem Hörbuch alles richtig gemacht. Einfach hinlegen und eintauchen."

 

Dem kann ich nur zustimmen!

Fazit

Ganz wichtige Geschichte, dabei unterhaltsam und spannend wie ein Krimi. Ute Krauses Werk wird in der Hörbuchversion großartig vermittelt durch Stefan Kaminski. 


Steckbrief

Im Labyrinth der Lügen

Ute Krause

gesprochen von Stefan Kaminski

 

Umfang: 4 CDs, 265 Minuten

Preis: 14,99 Euro  

Verlag: cbj audio

Altersempfehlung des Verlags: ab 10 Jahre

Erscheinungstermin: 29. Februar 2016

 

Beigelegt ist ein Booklet mit einem Glossar der DDR-Begriffe von "Arbeiter- und Bauernstatt" bis "Wanze". Ebenfalls enthalten ist ein Stadtplan von Berlin, auf dem man alle Schauplätze der Handlung findet. 

 

Hier geht's zur Hörprobe auf der Website des Verlags.

 


Das passt dazu

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