GELESEN | Andreas Steinhöfel: Es ist ein Elch entsprungen

Bertil glaubt (wieder) an den Weihnachtsmann.

Und er hat dafür gute Gründe. Welche das sind, das erzählt er uns in „Es ist ein Elch entsprungen“. Denn alles hat sich wirklich und wahrhaftig so zugetragen im Finkenwaldweg Nummer 4, wo Bertil wohnt. Lest und staunt und freut euch über diese zeitlos schöne und herzerwärmende Weihnachtsgeschichte, erstmals veröffentlicht im Jahr 1995. 

Darum geht es

Bertil Wagner lebt mit seiner älteren Schwester Kiki und seiner Mutter Kirsten zusammen. Die Eltern sind seit einem knappen Jahr geschieden, was Bertil ziemlich zusetzt. Vor allem zu Weihnachten wünscht er sich nichts mehr als eine heile Familie und dass Papa wieder – als Weihnachtsmann verkleidet – die Geschenke bringen möge, so wie im letzten Jahr. Doch Papa ist nun – wie Mamas beste Freundin Gerlinde sagt – dort, wo der Pfeffer wächst. (Da wohnt übrigens auch der Vater von Max in "Wenn mein Mond deine Sonne wäre" aus dem Jahr 2015).

 

Gründlich aus seiner melancholischen Stimmung gerissen wird Bertil am Abend des dritten Advents beim Musizieren mit Mama und Kiki. Als er gerade mit seinem "besonders schönen Knabensopran" „Vom Himmel hoch, o Englein kommt“ anstimmt, kracht ein großes braunes Etwas erst durchs Hausdach und dann durch die Wohnzimmerdecke. Es bringt die drei Musikanten zum Schweigen und den IKEA-Tisch Søren zum Zersplittern. Der ungebetene Besuch ist … ein riesiger Elch!

 

Dieser stellt sich höflich als Mr Moose vor, denn – ja, er kann sprechen. Fünf Sprachen fließend. Deutsch allerdings mit amerikanischem Akzent. Als die erste Überraschung abgeklungen ist, versorgt Mama das verletzte Bein von Mr Moose und Bertil und Kiki lassen sich erzählen, wie es zu dem spektakulären Absturz gekommen ist.

 

Elche sind – so erfahren die Kinder – Probefahrer des Weihnachtsmann-Schlittens (denn für solche niederen Aufgaben sind sich die arroganten Rentiere zu schade). Doch über Irland kam der Schlitten durch eine lockere Silberkufe ins Schleudern, woraufhin Mr Moose aus der Kurve flog. Die Fliehkraft katapultierte ihn bis zum – und letztlich ins – Haus der Wagners.

 

So weit, so erstaunlich und aufregend. Doch es kommt noch turbulenter, denn natürlich lässt sich ein so großes Tier nur schwer vor Nachbarn und Bekannten verbergen und so werden Bauer Pannecke und Mamas Freundin Gerlinde schnell misstrauisch. Als dann auch noch Oma zum Weihnachtsbesuch kommt und der Weihnachtsmann höchstselbst Mr Moose abholen will, ist vollends Schluss mit besinnlicher Adventszeit.

 

Ob die himmlischen Mächte – mit tatkräftiger Unterstützung von Mr Moose – zum Ausgleich dafür sorgen können, dass Bertils Herzenswunsch erfüllt wird …? 

Lese(t)räumchen meint

Bertil ist ein liebenswerter Junge, sensibel und durch die Scheidung seiner Eltern etwas aus dem Tritt geraten; sein Vater fehlt ihm sehr. Er wendet sich dem stattlichen Elch Mr Moose deshalb voller Hingabe und Vertrauen zu und genießt dessen Freundschaft und Aufmerksamkeit. Am schönsten sind für ihn die Momente, in denen er sich ins warme, weiche Fell des Elchs kuscheln kann und bei ihm Schutz und Halt findet. Etwas, was kleine Jungen eigentlich bei ihren Vätern finden sollten, nicht bei abgestürzten Assistenten des Weihnachtsmannes.

 

Umso schlimmer, dass von vorherein klar ist, dass der vierbeinige Vaterersatz wieder zum „Chef“ – dem Weihnachtsmann – zurückkehren muss, sobald sein Bein wieder gesund ist. Bertil fürchtet um seinen „besten und einzigen Freund“ und der Weihnachtsmann erscheint zunächst auch reichlich furchteinflößend und unsympathisch. An den möchte Bertil Mr Moose nur sehr ungern wieder abgeben. Und auch der Elch zögert  – vielleicht könnte er ja doch noch ein wenig bei den Wagners bleiben ...

 

Klingt bitter-süß und das ist es auch. Aber es wäre kein Steinhöfel-Buch, wenn es nicht auch in „Es ist ein Elch entsprungen“ – neben der schieren Absurdität der Geschehnisse – jede Menge Comic Relief gäbe: witzige Momente, die der Geschichte Leichtigkeit verleihen. So sorgt Mamas Freundin Gerlinde immer wieder für Lacher (sie möchte Mister Moose zum Beispiel davon überzeugen, dass auch weibliche Elche total emanzipiert Geweih tragen sollten), ebenso die etwas spröde Oma mit ihren alle Jahre wieder angebrannten Kokosplätzchen. Außerdem ist Mister Moose selbst äußerst charmant und seine Anpassungsschwierigkeiten ans Zusammenleben mit Menschen sind sehr drollig.

 

Ganz nebenbei erfährt der Leser zusammen mit Bertil und Kiki übrigens auch noch das eine oder andere erstaunliche Geheimnis des Weihnachtsmannes und seiner Arbeit ... 

Fazit

„Es ist ein Elch entsprungen“ ist ein moderner Klassiker, dessen Alter nur erkennbar ist an der Verwendung einer analogen Kamera und einer Schreibmaschine (und okay – Emanzipation würde heute vermutlich keine so große Rolle mehr in einem Kinderbuch spielen).

 

Bertils Wunsch, dass sein Papa zurückkommt und sie wieder eine heile Familie werden, ist dagegen (leider) zeitlos.

 

Die Geschichte ist relativ kurz, eignet sich deshalb wunderbar zum Vorlesen. (Gustav-Peter Wöhler tut das allerdings auch auf dem Hörbuch, erschienen bei Silberfisch/Hörbuch Hamburg.)

 

Mehr Weihnachtliches von Andreas Steinhöfel gibt’s ganz aktuell in „Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch“. Ansonsten auch in der witzigen Episode „Schöne Bescherung“ in seinem ersten Buch „Dirk und ich“ (1991) oder in der dramatischen  Erzählung „Helle Nacht“ im Kurzgeschichten-Band „Froschmaul“ (2006).

 

Für mich ist "Es ist ein Elch entsprungen" insofern etwas Besonderes, als es mein erstes Steinhöfel-Buch ever war. Das ganz lange ungelesen im Schrank stand (es ist ja auch nicht immer Saison für Schlitten-Elche), aber jede Aussortier-Aktion unbeschadet überstand, weil ich sicher war, dass ich es garantiert noch irgendwann lesen und mögen würde. Wie wahr! Aber erst Jahre später – nach dem Inhalieren der Rico-Oskar-Trilogie – erinnerte ich mich daran, dass da doch noch so ein schmaler Band vom selben Autor im Regal wartete ... Der Rest ist Geschichte und die damit begonnene Sammlung inzwischen ziemlich umfangreich.

 

Und um noch einen Bogen vom 90er-Jahre-IKEA-Tisch Søren zum Heute zu schlagen: Letztes Jahr habe ich bei IKEA ein flauschiges Sitzkissen gekauft. Sein Name ist Bertil.  


Steckbrief

Es ist ein Elch entsprungen

Andreas Steinhöfel

 

Umfang: 80 Seiten

Preis: 4,99 Euro

Verlag: Carlsen

Altersempfehlung des Verlags: ab 8 Jahre

Erstveröffentlichung: 1995.

Die Version mit diesem Cover stammt meines Wissens aus dem Jahr 2004.

 

Eine Sammlung der verschiedenen Cover, die das Buch über die Jahre hatte, sind auf dem Blog von Andreas Steinhöfel zu sehen. 

 

 

 


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