GELESEN & GEHÖRT | Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch

(c) Cover: Carlsen Verlag, Zeichnung: Peter Schössow

Die schönste Bescherung. Oder: 

Leseträumchen und die Sehrgroßfreude.

Nach meinem vorfreudigen Ankündigungspost aus dem Frühjahr ist es jetzt endlich so weit: 

Rico und Oskar sind wieder da! Tiefbegabt und hochbegabt. Beste (und bisher einander einzige) Freunde. Gemeinsam haben sie schon aufregende Abenteuer gemeistert - Entführer, Erpresser und Diebe überführt – und sind dabei aneinander und über sich selbst hinausgewachsen.

Und was kommt nun, im vierten Buch, in der weihnachtlichen Ergänzung der Trilogie? Kein Kriminalfall. Und doch eine Geschichte, die auf viele Arten spannend ist. Und ans Herz geht. Aber wie! Rico bekommt nämlich das beste Geschenk seines Lebens. Und wir, die Leserinnen und Leser, bekommen ebenfalls ein großartiges Geschenk: nämlich eine wundervolle,  vielschichtige Geschichte voller Witz und Weisheit.

Darum geht's:

Es ist Heiligabend in dem Jahr, in dessen Frühsommer „Rico, Oskar und der Diebstahlstein“ endete. Wir erinnern uns: großes Happy-End, Hochzeit von Ricos Mama Tanja Doretti mit dem Bühl (aka Simon Westbühl, Nachbar, Polizist, schauspielermäßig gut aussehend), Baby unterwegs. 

 

Doch bei diesem Happy-End wird nicht abgeblend’t, ein Glück – wir dürfen zurückkehren in die berühmte Dieffe 93. Wohnhaus voller Geschichten, the whole world in a nutshell. Die Stadt Berlin wird schon seit Tagen von einem Schneesturm um- und durchtost, der sich ab dem Nachmittag noch zu einem Orkan steigern soll. Das passt gut, denn bis dahin steigern sich in der Dieffe 93 auch noch ganz andere Dinge!

 

Am Vormittag, also an Heiligmorgen, wagen sich Rico und Oskar noch einmal aus dem Haus - für letzte Weihnachtseinkäufe bei Karstadt (wo die herzige Nachbarin Frau Dahling nach wie vor an der Wursttheke arbeitet). Rico kauft ein sehr originelles Geschenk für sein Geschwisterchen, das Anfang Januar erwartet wird, und Oskar ein T-Shirt für seinen Vater. Angeblich.

 

Im Verlauf des Tages bis zur abendlichen Bescherung, die ziemlich außergewöhnlich ausfällt und das ganze Haus auf Trab hält, erzählt Rico in drei Rückblenden vom vergangenen Sommer. In welchem er - derweil Oskar mit Vater Lars wieder im Dänemark-Urlaub weilt -, sechs Kinder in einem verlassenen Hinterhof im Kiez kennenlernt. Eine bunte Mischung von Kids aus aller Welt, die den Hof als Rückzugsort und Spielplatz nutzen. Rico kann sein Glück kaum fassen: so viele neue Freunde auf einmal! Als Oskar aus den Ferien zurückkehrt, wird auch er mit offenen Armen aufgenommen – und er lässt das weitgehend zu, obwohl er nach wie vor eher ein Sozialphobiker ist, wenn auch nicht mehr so schlimm wie früher.

 

Doch das Sommermärchen im verlassenen Hof nimmt kein gutes Ende. Die Freundschaft zerbricht an einem Diebstahl; es bleiben Narben auf den zarten Seelen aller Kinder. Ricos und Oskars Verbindung zueinander wird jedoch nur kurz getrübt: Sie gehen mit der Krise um wie zwei Große und bleiben weiterhin beste Freunde. Uff! Denn diese Freundschaft ist – schon immer und in diesem Band besonders – einfach so umwerfend herzig und süß und das soll auch immer, immer so bleiben, bitte schön. Dennoch: Oskar hat ein Geheimnis, ein großes sogar. Und an Heiligabend-Abend drängt es mit aller Macht ans Licht.

 

Womit die Geschichte dem Leser über sehr viele Seiten fast den Atem raubt (auch dadurch, dass der Showdown ebenso genial wie gemein hinausgezögert wird), werde ich natürlich nicht verraten. Es ist auf jeden Fall nur maximal halb so, wie man vielleicht erwarten könnte. Und Andreas Steinhöfel wäre nicht der grandiose Geschichtenerzähler, der er ist, wenn er nicht auch in dieser Rico-Oskar-Geschichte auf eleganteste Weise alle Handlungsstränge samt jeder Menge Überraschungen zusammenflechten und daraus ein wundervolles und herzerwärmendes Happy-End zaubern würde.   

Zitate aus dem Buch

Ein minikleiner Einblick, ein paar Lieblingsstellen.

Lese(t)räumchen meint:

Was soll ich sagen außer einem verzückten "Hach!"? Jede Menge! Es könnte sogar sein, dass ich das Vomhimmelhoch ein bisschen in den Himmel hoch loben werde, weil es mir so gut gefällt. 

 

Dass ich eine große Rico-Oskar-Liebe in mir trage, wissen Lese(t)räumchen-Leser ja schon lange, spätestens seit der „Odu“. Das Vomhimmelhoch zu lesen, ist deshalb für mich wie Nach-Hause-Kommen: wohlig-warm und heimelig-vertraut. 

  

In diesem Zusammenhang zu Beginn gleich eine kleine Abschweifung: Muss man die vorherigen Bände gelesen haben, um diese Geschichte zu verstehen? Muss man nicht, aber ein vierter Band macht natürlich mehr Spaß, wenn man mit den Figuren und ihren Geschichten bereits vertraut ist, gerade, weil man die Entwicklung von Rico und Oskar nur dann überhaupt erkennt. Man kann das Vomhimmelhoch aber natürlich auch hervorragend zum Anlass nehmen, danach noch die anderen drei Bände zu lesen (dann aber möglichst in der richtigen Reihenfolge: Tieferschatten, Herzgebreche, Diebstahlstein). Ein hübsches Weihnachtsgeschenk übrigens. :) Sooo lange ist es ja gar nicht mehr hin.  

 

Zurück in die Spur: Im Vomhimmelhoch gibt es wunderbare Wiedersehen: mit den Kesslers, die Nachbarn mit den nervigen doppelten Zwillingen. Mit der unvergleichlichen Irina, Mamas bester Freundin, und deren On-Off-Lebensgefährten Sebastian. Mit Otto, dem besten Kumpel von Oskars Vater, und dessen sympathischer und zupackender neuer Freundin Anna. Und mit der liebenswerten Frau Dahling und ihrem Herzblatt, dem verliebten Gentleman Herrn van Scherten.

 

Gleich zu Beginn gibt es umwerfend witzige Szenen: Zum Beispiel wie Rico verzweifelt bei Mama um ein kleines Stückchen Schokolade betteln muss, ist ein Kracher und wird die Kinder bei den kommenden Lesungen zum Prusten bringen. Wie Rico sich das Geschenk fürs Geschwisterchen gegen einen arg begriffsstutzigen Verkäufer (Loriot lässt grüßen!) erkämpft, ist ebenso herrlich.  

 

Die Jungs: Wir dürfen beobachten, wie Rico und Oskar sich über den Sommer entwickelt haben. Sowohl in ihrer Freundschaft, die noch fester und selbstverständlicher geworden ist, als auch jeder für sich: Oskar hat sich mit seinem Vater versöhnt und pflegt ein paar Ängste weniger. Und Rico ist viel sicherer in der Welt unterwegs als früher: Er findet sich auch allein im Kiez zurecht (außer im Schneesturm), die Bingotrommel hat sich beruhigt, die Verantwortung für seinen kleinen Hund Porsche hat ihn reifer gemacht, ebenso die Erfahrungen des Sommers. Und so nähern sich die Freunde einander ein Stückchen an: Rico in Sachen Intelligenz und Oskar in Sachen Gefühle. Perfect match, more than ever.

 

Aber keine Sorge: Ricos extrem unterhaltsame und witzige Abschweifungen, die wilden Assoziationen und die skurrilen Deutungen von Dingen, die er beobachtet,  bleiben uns erhalten. Das bringt am Anfang der Geschichte einfach richtig gute Laune und später, wenn es spannend bis dramatisch wird, hier und da ein wenig Comic Relief – kleine Entspannungs- und Lachpäuschen.

 

Nicht fehlen darf natürlich Ricos Lexikon mit seinen ganz speziellen Worterklärungen. Sie reichen von A wie „Affäre“ über „Integration“, „Kalauer“ (Brüller!) und „Odethollett“ und vielem mehr bis zu Z wie „Zinnober“.  Ebenso lustig wie kulturell befruchtend.

 

Dass die Heiligabend-Echtzeit-Geschichte von den Rückblenden in den Sommer und Herbst unterbrochen wird – fein verknüpft mit der Gegenwart und dem, was im Buch noch vor einem liegt – hat mich beim ersten Lesen ganz kurz gestört. Ich wollte gerne noch viel mehr von den Jungs, der Dieffe und von Ricos süßer neuer Familie lesen, einfach, weil es so schön ist. Und weil da auch jede Menge passiert, so isses ja nicht. Mit fortschreitender Lektüre des Buchs bzw. wiederholten Anhörens des Hörbuchs aber entfaltet sich der Zauber des Neuen immer mehr und es wird deutlich: Die Rückblenden nehmen einem nichts weg, sondern sind eine Bereicherung.

 

Denn als Rico im Sommer die bunte Mischung an Kindern im verlassenen Hof kennenlernt, geht eine Tür zu einer ganz anderen Welt auf. Der Hof ist wie eine großstädtische Version des wundervollen vergessenen Parks aus dem Buch "Der geheime Garten" von Frances Hodgson Burnett. Nur sind hier nicht Pflanzen das Zauberhafte (außer denen, die mit Farbe auf den Hofboden gekreidet werden), sondern Kinder: der Checker, Nuri, Samira, Soo Min, Sarah und der Lawottny (genau, der aus dem Förderzentrum). Jedes einzelne eine starke Persönlichkeit mit Ecken und Kanten und durchaus nicht alle sofort sympathisch. Wie im richtigen Leben halt.

 

Wer die Zeichentrick-Episoden „Rico & Oskar“ in „Die Sendung mit der Maus“ gesehen hat (hier Inhaltsangaben und Bilder) oder die ersten beiden Comic-Bücher dazu gelesen hat, der kennt die Kinder schon. Es hilft definitiv, ein Bild von ihnen vor Augen zu haben, denn sechs neue und wichtige Figuren auf einen Schlag sind schon eine Herausforderung. Es gibt auch eine Illustration von ihnen (auf Seite 86), aber ohne die Namen. Überhaupt spielen im Vomhimmelhoch richtig viele Personen mit (plus ein kleiner Hund), weit über zwanzig.

 

Und apropos Illustration: Sämtliche Zeichnungen auf und im Buch stammen wieder von the one and only Peter Schössow und sind einfach groß-ar-tig. Sehr frei nach Loriot: Ein Rico-Oskar-Band ohne Peter Schössows Zeichnungen wäre möglich - aber es würde echt was fehlen.  

 

Was gibt es sonst noch zu erwähnen? Auf jeden Fall die Autor-itäre Liebe zum Film, die mächtig durchblitzt und Klassiker der Filmgeschichte von A bis Z einbindet: von „Alice im Wunderland“ und „Sissi“ über „Vom Winde verweht“ bis zum unvermeidlichen „Zauberer von Oz“. Kleine Zusatz-Freude für die die großen Leser. 

 

 

Das Hörbuch

Hier kann ich mich kurz fassen: Für die ungekürzte Lesung – wie immer vom Autor selbst eingesprochen, wonnige vier CDs lang – gibt es eine dicke, fette Empfehlung, ja fast schon einen Kaufbefehl. :) Auch wenn man das Buch schon hat.

 

Andreas Steinhöfel ist ein so großartiger Vorleser: witzig oder ernst, aufgeregt oder sanft – was immer gerade gebraucht wird. Er verleiht der Geschichte dadurch noch mehr Charme und Tiefe, wenn das denn überhaupt geht. Den „neuen Kindern“ gibt die zusätzliche Dimension ihrer Sprache auf jeden Fall noch mehr Profil als beim eigenen Lesen.

 

Und außerdem Hut ab: So vielen Personen innerhalb einer Geschichte eine erkennbare und unterscheidbare Stimme zu geben, ist großes (Ohren-)Kino! 

Fazit:

Andreas Steinhöfel hat mit „Es ist ein Elch entsprungen“ schon vor 22 Jahren einen modernen Weihnachtskinderbuchklassiker geschaffen. Es ist nicht allzu gewagt anzunehmen, dass „Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch“ auch einer werden wird. 

 

Denn: Ich finde, vom Himmel hoch – also von diesem – kommt nur Gutes!

 

Wie immer schafft es Andreas Steinhöfel, unglaublich viele Themen völlig geschmeidig und unaufdringlich in eine einzige Geschichte einfließen zu lassen und zu einem prachtvoll bunten Teppich zu weben. Um Familie(n) in unterschiedlichsten Konstellationen ging es in allen Rico-Oskar-Büchern. Ebenso um das Thema Freundschaft.

 

Und Freundschaft steht im Vomhimmelhoch besonders im Fokus. In ihrem Fahrwasser schwimmen viele Aspekte mit: Toleranz, Nächstenliebe, Verantwortung, Vertrauen, Vertrautheit, Loyalität, Anderssein, Gleichberechtigung, Integration, Mitgefühl, Streit, Verzeihen, Versöhnung, Verständnis.

 

Klar, so ist die Welt. Und so ist das Leben, auch das von Kindern. Aber selten sieht man das in Kinderbüchern so komplex eingefangen. Meist gibt es doch nur ein paar nette und eine doofe Figur und das war’s dann.

 

Und es ist wohl auch gerade das, was die Geschichten um Rico und Oskar so besonders macht: dass sie Kindern komplexe Gefühle zugestehen und sie ernst nehmen. Die Kinder und die Gefühle. 

 

Andreas Steinhöfel holt die ganze Welt hinein in das Haus in der Dieffe 93 und in den vergessenen Hof. Dadurch ist dieses Buch – ebenso wie die drei Vorgänger – auch hervorragend für Eltern und andere Erwachsene geeignet (und damit auch fürs Lese(t)räumchen). 

 

Ja, es gibt vieles, das erstmal nur sie verstehen und wertschätzen werden: Lebensweisheiten, entlarvende und berührende, ganz beiläufig eingestreut (aus Kindermund!), präzise Beobachtungen und stimmungsvolle Beschreibungen (der geheime Hof, der stetig heftiger werdende Schneesturm) und die äußerst liebevolle Führung jeder einzelnen Person durch die Geschichte.

 

Das Vomhimmelhoch ist zu Beginn allem witzig, wird dann in verschiedenen Erzählsträngen immer spannender und ist am Ende einfach nur wunderschön gefühlvoll und so happy-endig, wie man es in einer Weihnachtsgeschichte haben möchte. 

 

Ich wünsche euch - nein, noch keine frohe Weihnacht -, sondern ebenso viel Spaß am Lesen, wie ich ihn hatte! Freut euch, dass ihr dieses erste Mal noch vor euch habt! :)

 


Ein Geschenk, ein Geschenk! 

Lese(t)räumchen-Vomhimmelhoch-Rätselgitter

 

Weil die Rico-Oskar-Bücher undenkbar wären ohne Ricos Wortschöpfungen und die besonderen Bedeutungen, die er bekannten Wörtern verleiht, habe ich einfach mal aus einigen Begriffen aus dem Buch ein Rätselgitter gebaut.

 

Und außerdem: Wer so tapfer bis hierher gelesen hat, dem gebührt ein kleines Geschenk!

 

Wenn ihr hier auf den Link  oder auf das Bild klickt, geht eine neue Seite auf. 

 

Die Lösung gibt’s dann hier. 

 

 


Und noch was, mehr so für Nerds:

Mir kam das Vomhimmelhoch so (schön) lang vor. Deshalb habe ich mal nachgeschaut, wie viele Seite jeder Band hat. Der Diebstahlstein hat die Nase vorn!

Tieferschatten:      224 Seiten

Herzgebreche:       272 Seiten

Diebstahlstein:     336 Seiten

Vomhimmelhoch: 272 Seiten

Steckbrief


Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch

Andreas Steinhöfel

 

Umfang: 272 Seiten

Preis: 14,99 Euro (Hardcover)

Verlag: Carlsen

Altersempfehlung des Verlags: ab 10 Jahre

Erscheinungstermin: 29. September 2017

 

Hier geht's zur Vorschau auf der Website des Verlags.

Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch

Andreas Steinhöfel

 

Umfang: 4 CDs, 329 Minuten Laufzeit

Preis: 19,99 Euro (CD), Download 13,95 Euro

Verlag: Hörbuch Hamburg/Silberfisch

Altersempfehlung des Verlags: ab 8 Jahre

Erscheinungstermin: 29. September 2017

 

Hier geht's zu einer Hörprobe auf der Website des Verlags.

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